Predigt von Albert Henz im Festgottesdienst - 100 Jahre Pauluskirche

Herr Henz ist theologischer Vizepräsident der evangelische Kirche von Westfalen.

Seine Predigt zum Festgottesdienst können Sie nochmals lesen. Wir haben den Text mit einen Bildern (©) aufgelockert.

(@) Ulrich Kamin - Kirchenkreis Recklinghausen

Liebe Festgemeinde,

an diesem wunderschönen Frühlingsmorgen grüße ich Sie sehr herzlich für unsere Landeskirche und freue mich, mit Ihnen Ihren besonderen Geburtstag zu begehen.

Die Pauluskirche wird 100 Jahre alt! Versammelt sind alle Marler Bezirke. Denn dies ist die „Mutterkirche“ für Sie alle. Könnte Sie erzählen, wüsste sie viel zu berichten. Und zum Teil tut sie es ja auch. Vor ihrer Entstehung war die Gegend nahezu rein katholisch und von der Landwirtschaft geprägt. Dann kam der Bergbau und die Region wuchs in nahezu unglaublichen Dimensionen. Erst in Recklinghausen, und 1914 eben auch in Hüls wurde ein eigenes Gotteshaus und dann auch eigene Pfarrstelle, eine selbständige Kirchengemeinde errichtet. Ganz im Stil ihrer Zeit war sie eine Jugendstilkirche, eine Rundkirche, eine romantische Faustorgel spielt bis heute in ihren Gottesdiensten. Vom Ausbruch des ersten Weltkrieges habe ich in diesem Zusammenhang nichts gehört und gelesen – er scheint die Kirche weniger tangiert zu haben. Anders vom zweiten, der große Schäden hinterließ und eine Renovierung erforderlich machte. Die Kirchengemeinde ist weiter gewachsen, hat sich zeitweise in Einzelgemeinden aufgelöst, dann einen Verband gegründet und ist schließlich 2004 zur heutigen Stadtgemeinde Marl geworden. In unserer Landeskirche war Marl in vielen Fragen innovativ – zuletzt zum Beispiel in der Aufnahme des interreligiösen Dialogs mit Muslimen.

Eine Wachstumsgeschichte, ein Dank für viel Begleitung, Verkündigung, Segnung und Unterweisung, die hier geschehen sind. Für Seelsorge und Orientierung. Einhundert Jahre evangelische Kirche in Marl. Wir haben zuerst und vor allem Anlass zur Dankbarkeit.

Ich weiß, heute schwingen auch andere Empfindungen mit. Die Wachstumsgeschichte Marls ist ja empfindlich ausgebremst in ihrer jüngsten Geschichte. Da gibt es die Veränderungen im Bergbau. Da steht eine weitere Werkschließung bevor. Da ist die demografische Entwicklung und die Abwanderung der Jugend nach Süddeutschland. Und da ist, natürlich, wie überall in Deutschland nicht zu übersehen, dass die volkskirchliche Verbundenheit abnimmt. Zwar wächst der Anteil derer, die unserer Kirche besonders verbunden sind. Aber die Austrittsbereitschaft und vor allem die Ferne zur Kirche nehmen zu. Die Sozialisationsinstanzen, vor allem die Familien vermitteln den christlichen Glauben weniger. Die ethnische Vielfalt in unserem Land durch die notwendigen Migrationsbewegungen verstärkt die Erosion.

Noch sind Sie hier eine stattliche Zahl von Gemeindegliedern, Pfarrstellen und Gebäuden. Aber mit dem heutigen Tag markieren Sie auch, dass es künftig nur noch drei evangelische Zentren geben wird: Paulus, Dreifaltigkeit und Auferstehung. Das ist schmerzlich für die, denen die anderen Kirchen Heimat und Geborgenheit geschenkt haben, die sich in ihnen engagiert, ja auch für sie engagiert haben. Dieser Einschnitt wird mit dem Kopf verstanden. Im Herzen aber tut er weh. Und: Ein Ende dieses Verkleinerungsprozesses ist nicht absehbar.

Als ich auf diesem Hintergrund den Predigttext für den heutigen Sonntag las, dachte ich erst: Das geht gar nicht! Und bei der näheren Beschäftigung ging es mir wie so oft. Ich hatte das Gefühl, der ist wie für uns heute und für die geschilderte Situation gewählt: Ich lese aus Hebr. 13, 12-14:

Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Wir feiern ihr Jubiläum ja in der Passionszeit. Der Zeit des Kirchenjahres also, in der wir uns besonders an das Leiden und Sterben Jesu erinnern. Gekreuzigt wurde Jesus vor der damaligen Stadtmauer Jerusalems auf Golgatha. Der Hebräerbrief deutet seinen Tod in Anlehnung an den Versöhnungstag Israels. Der wurde jährlich begangen, um das Volk Israel mit Gott durch das Opfer eines Sündenbocks zu versöhnen. Zum verbrennen des Opferfleisches ging der Hohepriester hinaus aus dem Lager des Volkes. Jesus als der Hohepriester, wie der Hebräerbrief ihn versteht, hat ähnliches auf Golgatha für uns getan. Er hat jedenfalls für uns gelitten. Und er musste hinaus aus der gewohnten, beschützenden Umgebung, aus der Stadt. Und, wie auch immer wir den Tod Jesu interpretieren – das geht auch ohne den Sühnegedanken - er war Teil seines Weges zur Auferstehung, zu Ostern. Oder, wie es in dem ebenfalls mit der jüdischen Tradition geschilderten Bild beschrieben wird, zur zukünftigen Stadt. Da steht die wunderschöne Stadt Jerusalem vor Augen, eine Pracht für die, die sonst als Nomaden auf dem Land oder in der Wüste leben. Sie ist, auch in der Offenbarung, Sinnbild für unsere Zukunftserwartung. Um Jesu und seines Leidens willen. Mit ihm und mit seiner Auferstehung hat er unser Leiden, auch unser Sterben hin zum ewigen Leben, zum Platz in der zukünftigen Stadt, in Gottes ewiges Reich geöffnet. Und, daran lässt der Hebräerbrief keinen Zweifel: Unsere letztliche Bestimmung ist nicht hier. Nicht in dem, worin wir uns eingerichtet haben, wo wir oft gern bleiben würden: Sie ist in Gottes Zukunft. Und unsere Existenz ist die einer Wanderschaft. Heinrich Böll schreibt, dass das im Grunde jeder Mensch irgendwann im Laufe seines Lebens ahnt: „…dass wir auf der Erde … nicht ganz zu Hause sind.“ Das beschreiben auch andere Dichter, unabhängig von einer religiösen Deutung. „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“ schreibt der Hebräerbrief. Und: Wir müssen, immer wieder heraus aus unseren Behausungen um in der zukünftigen Stadt anzukommen. Wenn wir demgegenüber festhalten oder festsitzen hindert das unser Ankommen am Ziel.

Die Gemeinde, an die sich der Hebräerbrief richtet, war übrigens auch nach einer euphorischen Aufbruchsstimmung verunsichert und müde geworden in ihrer Hoffnung. Mit der Erinnerung an Wanderschaft und Ziel sollte sie neu ermutigt und ermuntert werden.

Ja, wir haben es nicht immer leicht auf unserem christlichen Weg. Aber um Jesu willen sind das Durchgangsstationen auf dem Weg zum Ziel. Mir gefällt sehr gut die Christusdarstellung in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche am Kurfürstendamm in Berlin. Dort ist der Gekreuzigte schon der empor genommene, der Auferstehende.

Was heißt das nun für uns, auch in den Zäsuren, die wir zu bearbeiten haben?

Nun, etwas davon haben Sie ja schon erlebt. Sie waren 2006 praktisch „pleite“. Mit den Maßnahmen, die Sie eingeleitet haben, sind Sie wieder äußerlich gut aufgestellt. Nach allem, was wir vorhersehen, wird dieser Prozess sich weiter fortsetzen. Aber Sie werden ihn gestalten können. Ja, und auch das stimmt: Die religiösen Gewohnheiten haben sich immer verändert und werden sich weiter verändern. Und auch darauf hat die Kirche bislang reagiert und wird sie weiter reagieren können. So ist zum Beispiel die Struktur unseres flächendeckenden Netzes an Ortsgemeinden eine erst knapp hundert Jahre junge Entwicklung. Vorher hat sich die Kirche um Gotteshäuser, in denen eben gepredigt und das Abendmahl ausgeteilt wurde, herum entwickelt. Und nie sind alle in einer Gemeinde regelmäßige Teilnehmende gewesen. Das heißt noch lange nicht, dass es ihnen nicht dennoch wichtig ist, Christin oder Christ zu sein und zur Kirche zu gehören.

Wir wissen nicht genau, wie die Gestalt unserer Kirche in der Zukunft aussehen wird. Aber sie wird sich weiter verändern. Und unsere Gesellschaft wird auch religiös noch bunter und vielfältiger werden. Mit diesem Phänomen hatte allerdings schon Paulus umzugehen. Und die erste christliche Gemeinde, die er in Europa gegründet hat, die traf sich an einem Fluss im Freien und später im Haus der Purpurhändlerin Lydia. Nicht wenige junge Menschen haben sehr genaue Vorstellungen davon, wie sie ihren Glauben in Gemeinschaft leben wollen. Wir sollten sie stärker hören und ihnen Raum geben. Mir machen sie jedenfalls Zukunftsmut.

Mit anderen Worten: Wir dürfen getroster und hoffnungsvoller loslassen und Veränderungen angehen. Wahrscheinlich müssen wir das sogar. Und wir sollten schwierige Phasen nicht überbewerten. Die hat es in der Geschichte des Christentums immer gegeben. Stattdessen sollten und dürfen wir uns gegenseitig im Vertrauen ermutigen. Ja, auch wir müssen heraus aus dem Vertrauten. Ja, auch wir erleben Durststrecken und leiden. Ja, auch bei uns stirbt manches. Aber das ändert nichts daran, dass wir unterwegs sind zur zukünftigen Stadt. Und dass Christus uns in sie hineinführen will und wird.

Das sind doch gute Perspektiven, liebe Gemeinde, die uns Gelassenheit schenken mögen. Und bis dahin brauchen wir natürlich auch heute Beheimatung. Beheimatung allerdings weniger in Steinen, das auch, sondern vor allem im Glauben. Den sollten wir vermitteln. Das Evangelium unter heutigen Bedingungen kommunizieren. Und geduldig unserem Ziel entgegengehen. Ihre Glocken erinnern sie mit ihren Aufschriften regelmäßig: „Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, haltet an am Gebet“.

Amen.

Albert Henz

Theologischer Vizepräsident der Evangelischen Kirche von Westfalen

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